Rechtsextremismus unter Konfessionslosen?


Im November 2012 hat die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie [4, Die Mitte im Umbruch] veröffentlicht, die die Zustimmung zu rechtsextremen Gedankengut in Deutschland analysiert. Konfessionslose zeigen 2012, im Vergleich zu 2010, eine stärkere Zustimmung zu diesen rechtsextremen Gedanken und  liegen damit, im Gegensatz zu 2010, oberhalb der Werte der katholischen und evangelischen befragten Teilnehmer.

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht in regelmäßigen Abständen Statistiken zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland. Die Teilnehmer werden gebeten, Ihre Zustimmung oder Ablehnung zu Sätzen wie „Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform“ oder „Ohne Judenvernichtung würde man Hitler heute als großen Staatsmann ansehen“ zu äußern. Die Fragen sind den verschiedenen Themen „Befürwortung Diktatur„, „Chauvinismus„, „Ausländerfeindlichkeit„, „Antisemitismus„, „Sozialdarwinismus“ und „Verharmlosung Nationalsozialismus“ zugeordnet. Teilnehmer, die die Optionen „stimme Überwiegend zu“ oder „stimme voll und ganz zu“ wählen werden als Befürworter der Aussage gewertet; dies sind die Zahlen, die im Folgenden in den Tabellen und Graphiken gezeigt werden. Die Daten erlauben u.a. eine Aufschlüsselung nach Parteien, nach West und Ost, nach Bildung sowie eine grobe Unterscheidung nach Religion und Weltanschauung: Evangelisch, katholisch und konfessionslos.

Während im Bericht aus dem Jahr 2010 die Gruppe der Konfessionslosen tendenziell weniger Neigungen zu rechtsextremen Gedankengut gezeigt hat [5, Atheist-Media-Blog] als die religiösen Gruppen, zeigt sich 2012 in allen untersuchten Themenbereichen eine auffällige Veränderung: Die Zustimmung innerhalb der Gruppe der Konfessionslosen stieg generell und und liegt nun, zum Teil sehr deutlich, über den Zahlen der evangelischen oder katholischen Teilnehmer. Die Werte der folgenden Tabelle sind direkt der aktuellen Studie von 2012 entnommen [4]:

Evangelisch Katholisch Keine
Konfession
Befürwortung Diktatur 2,6% 2,1% 6,4%
Chauvinismus 19,3% 17,2% 22,9%
Ausländerfeindlichkeit 25,6% 19,6% 32,4%
Antisemitismus 7,8% 6,1% 14,0%
Sozialdarwinismus 2,5% 1,5% 10,9%
Verharmlosung des Nationalsozialismus 1,7% 2,8% 5,9%

Die folgenden Graphiken zeigen kombiniert die Ergebnisse vorhergehender Studien aus den Jahren 2006, 2008, 2010 und 2012 ([1], [2], [3], [4]):

statistirechtsextrem1

Wenn diese Zahlen aus dem Jahr 2012 statistisch relevant sind, könnten sie ein starkes Warnsignal sein – verbreitet sich rechtsextremes Gedankengut unter den Konfessionslosen stärker als unter den Religiösen?

Die Zahlen erscheinen mit hoher Wahrscheinlichkeit korrekt:

  • Nur in wenigen Themenbereichen sind die Schwankungen zwischen 2006 und 2012 bei den Konfessionslosen in der gleichen Größenordnung wie die Abweichung bei den Konfessionslosen von 2010 auf 2012, wie z.B. bei „Chauvinismus“ und würden erlauben, den 2012er-Wert als „Rauschen“ im Rahmen der Zeitreihe zu interpretieren. Die Mehrzahl der Graphiken zeigen 2012 deutliche Abweichungen der Konfessionslosen nach oben gegenüber dem „Untergrund“ der vorhergehenden Jahre. Gerade bei  der Zustimmung zu einer Diktatur und zum Sozialdarwinismus sind die Veränderungen bei den Konfessionslosen von 2010 auf 2012 extrem hoch.
  • Ist das Jahr 2012 ein statistischer „Ausreißer“? Wohl eher nicht – die Erhöhung der Zustimmung Konfessionsloser zu rechtsextremen Gedanken zeigt sich in allen Themenbereichen!
  • Untersucht man, in welchem Intervall mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% das tatsächliche Ergebnis liegt (die Fehlergrenzen wurden vom Autor dieses Blogs mittels [7] ermittelt; siehe Diagramme weiter unten), so zeigt sich, daß die Ergebnisse bei den Konfessionslosen statistisch relevant sind. Gerade in den besonders bedenklichen Themen „Befürwortung Diktatur“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Antisemitismus“, „Verharmlosung des Nationalsozialismus“ und „Sozialdarwinismus“ ist die statistische Relevanz offensichtlich.
  • Alle Studien wurden im Wesentlichen vom gleichen Autorenteam vorgenommen. Eine direkte oder indirekte, oder unterbewußte Beeinflussung der Ergebnisse durch die Autoren erscheint daher unwahrscheinlich.
  • In den Studien wird offengelegt, wie die Teilnehmergruppe strukturiert ist. Anscheinend wurde ein repräsentativer Bevölkerungsquerschnitt ausgewählt. Etwas auffällig ist allenfalls, daß Konfessionslose im Vergleich zu den neuesten Zahlen bei den Teilnehmern unterrepräsentiert sind: Laut ([FOWID, 8], sind 37.6% der Deutschen konfessionslos, im Vergleich zu jeweils 29,0%  Katholiken und Protestanten.
  • So gerne ich Eva Högls Meinung [6, Tagesspiegel] zustimmen möchte – die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung verwechselt im statistischen Teil eben nicht berechtige Islamkritik mit Ausländerfeindlichkeit. Die Fragen, die den Teilnehmern der Studie gestellt wurden, sind klar und eindeutig, sie lassen sich in den Veröffentlichungen zu den Studien nachlesen: in diesen Fragen wird der Islam gar nicht erwähnt! Jemand, der die Fragen zustimmend beantwortet ist kein besonnener Islamkritiker, sondern ausländerfeindlich eingestellt. Es besteht keine Verwechslungsgefahr mit berechtigter Islamkritik, wie von Eva Högl befürchtet.

statistirechtsextrem1fehler

Wie kann man sich diese Zahlen erklären? Hat sich von 2010 auf 2012 die Struktur der Konfessionslosen geändert – gab es rechtsextremen Zulauf? Sind Konfessionslose schlichtweg rechtsextremer geworden?

Es ist meiner Meinung nach dringend nötig, den Grund für den Anstieg herauszufinden. Ich persönlich möchte nicht mit einem „Haufen rechtsextremer Konfessionsloser“ identifiziert werden. Aus meiner Sicht ist es nötig zu untersuchen

  • wie sich die Gruppe der Konfessionslosen zusammensetzt,
  • ob die statistische Relevanz tatsächlich gegeben ist,
  • was mögliche Gründe für den Anstieg rechtsextremen Gedankenguts bei Konfessionslosen sein könnten und
  • ob sich dies auch durch Äußerungen Konfessionsloser in den Medien belegen läßt.

Man darf diese Studie nicht ignorieren! Wir Konfessionslose, Agnostiker und Atheisten sollten daraus lernen, daß wir  nicht blind sein dürfen gegenüber rechtsextremen Auswüchsen – Konfessionslose sind nicht „die Guten“. Wir sollten Strategien aufbauen, wie man dem rechtsextremen Trend entgegenwirken kann. Konfessionslose Gruppierungen sollten deutlich Stellung gegen rechts beziehen!

Quellen:

[1] Oliver Decker, Elmar Brähler, Norman Geißler: Vom Rand zur Mitte; Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland,  Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin, Wagemann Medien GmbH, Bonn, 2006, http://library.fes.de/pdf-files/do/04088a.pdf

[2] Oliver Decker und Elmar Brähler: Bewegung in der Mitte; Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2008, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin, Wagemann Medien GmbH, Berlin, 2008, http://library.fes.de/pdf-files/do/05864.pdf

[3] Oliver Decker, Marliese Weißmann, Johannes Kiess, Elmar Brähler: DIE MITTE IN DER KRISE Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin, Brandt GmbH Druckerei und Verlag, Bonn, 2010, http://www.fes.de/cgi-bin/gbv.cgi?id=07504&ty=pdf

[4] Oliver Decker, Johannes Kiess, Elmar Brähler: DIE MITTE IM UMBRUCH; Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH, Bonn, 2012, http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_12/mitte-im-umbruch_www.pdf

[5] Studie: Konfessionslose weniger rechtsextrem als Katholiken und Protestanten, Atheist-Media-Blog, http://blasphemieblog2.wordpress.com/2010/11/01/studie-konfessionslose-weniger-rechtsextrem-als-katholiken-und-protestanten/

[6] Eva Högl: Wer und was ist rechtsextrem? Tagesspiegel 2012-12-02, http://www.tagesspiegel.de/meinung/wer-und-was-ist-rechtsextrem/7466068.html

[7] Marcus Hudec, Christian Neumann: STICHPROBEN & UMFRAGEN; Grundlagen der Stichprobenziehung, Institut für Statistik der Universität Wien, http://www.stat4u.at/download/1423/stichpr.pdf

[8]  FOWID: Religonszugehörigkeit Bevölkerung Deutschlands, http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Religionszugehoerigkeit/Religionszugehoerigkeit_Bevoelkerung_1970_2011.pdf

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Ein Kommentar zu “Rechtsextremismus unter Konfessionslosen?

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